Tsukiji Fish Market

23 Okt

Das Meer im Mund

Er treibt Gourmets in Ekstase und Fotografen in blanke Euphorie, bringt Logistiker ins Schwärmen und Artenschützer ins Grübeln. If it swims – they have it! Alles, was das Meer her gibt, lässt sich hier finden: vom relativ günstigen Seetang bis zum teuersten Kaviar, von der kleinen Sardine bis zu den größten Walfischen. Tsukiji ist der weltgrösste Fischmarkt und jedes Jahr gehen rund 700’000 Tonnen Fisch und Meeresfrüchte durch die geschäftigen Hallen. Rund 60’000 Menschen arbeiten im und direkt für den Fischmarkt.

Er erstreckt sich über eine beeindruckende Fläche von 24 Hektaren, in denen Händler über 2000 Tonnen Fisch und Meeresfrüchte verkaufen. Täglich!! Mehr als 450 verschiedene Sorten stapeln sich auf Eis und zwischen Gebirgen von Styroporboxen im weitläufigen Labyrinth des Marktes. Der geschätzte Jahresumsatz liegt bei unglaublichen 7 Milliarden Euro. Für Sushi und Sashimi ist das hier das Zentrum der Welt! Das Meer im Mund!

Die schiere Masse, die Vielfalt, die Fremdartigkeit, die man in diesem kolossalen Markt zwischen einer Million Tonnen Seafood findet, raubt mir fast den Atem! Fische, noch zappelnd, zuckend und strampelnd in Wasserbecken. Aale, mit einem Spiess durch den Kopf auf Bretter genagelt, werden lebendig filetiert. Da gibt es Fisch aus aller Herren Länder, Seeigel auf zerstossenem Eis, riesige Tintenfische in Armlänge, Baby-Tintenfisch in Daumennagelgrösse, Schwertfische, Riesenkrabben, Langusten, violett schimmernde Kraken, Shrimps, Schnecken, Jakobsmuscheln, so gross wie ein Schneeschuh und eine fast schon enzyklopädische Auswahl an Rogen – mariniert, geräuchert, gesalzen, frisch.

Die blosse Vorstellung, was die vom Seafood besessenen Japaner hier jeden Tag aus den Weltmeeren fischen, angeln, baggern und vom Grund rechen, macht einem nachdenklich. Erst recht, wenn man zum Highlight eines Markttages auf dem Tsukiji kommt: der täglichen Blauflossen-Thunfisch-Auktion. Tuna wird hier gehandelt wie Juwelen, ausgestellt in Lichtkästen, von unten beleuchtet, mit kleinen Schildern zu Preis und Qualität. Es gibt ihn frisch, geschnitten, getrocknet, gesalzen, Nummer Eins, Nummer Zwei und so fort…

Riesige gefrorene Thunfisch-Torsi werden auf Gabelstablern durch die Hallen chauffiert und mit Stichsägen zerlegt. Auf Holzpaletten liegen sie da, im nasskalten, morschen Dunst der Halle. In den Augen der drängelnden Touristen sind sie bedauernswert, aber für die Händler glänzen sie erhaben im Lampenlicht. Thunfisch ist König hier!

Um 2.30 Uhr früh stand ich bereit, vor den Toren des Marktes. Sightseeing für Frühaufsteher quasi. Die tägliche Thunfisch-Auktion beginnt um exakt 5.20 Uhr und nur 120 Besucher werden dafür zugelassen. Nachdem in den vergangenen Jahren zahlreiche neugierige Touris die Auktion mit Blitzlichtgewitter gestört, die Massen nicht mehr zu kontrollieren waren und einige Deppen anscheinend sogar Thunfische berührt hätten, wurde der Zugang zur Auktion für die Öffentlichkeit zeitweilig sogar ganz untersagt.

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Mittlerweile ist man aufgrund der grossen Nachfrage nachgiebiger geworden, hat die Zutritte allerdings massiv eingeschränkt. First come, first serve! Und da ich die Nacht eh durchgezecht hatte, bin ich direkt aus den nahen Bars von Ginza in aller Herrgottsfrüh im Morgendunst zum riesigen Marktgeländer spaziert. Dort heisst es anmelden, registrieren, sich eine gelbe Weste schnappen (Gruppe 1, yeah!) und dann warten. Warten. Und nochmals warten. Bewaffnet mit einem Buch und einigen Dosen Kaffee (oder war es Bier?) lässt sich die Zeit aber einigermassen gut vertreiben.

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Was danach folgt, ist ein einmaliges Spektakel! Man tritt ein, in diese schwach beleuchtete, riesige Halle, in welcher die bis 300 kg schweren Kolosse auf Holzpaletten ehrfürchtig thronen. Mit roter Farbe wird jedem Tuna eine Nummer auf den Rücken geschrieben und Fangort sowie Gewicht angegeben. Noch in der Nacht wurden sie im Südosten der Stadt angeliefert und zu Hunderten, ja vielleicht Tausenden, hier nach Tsukiji gebracht, wo findige Händler oder deren Mittelmänner in Gummistiefeln durch die Hallen schreiten und die Juwelen des Ozeans begutachten.

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Mit Taschenlampen leuchten sie durch den Kältedunst auf die angeschnittenen Schwanzflossen und pickeln mit kleinen Hacken winzige Teilchen vom roten Fleisch heraus. Sie zereiben es zwischen Daumen und Zeigefinger und prüfen so die Qualität. Gesprochen wird nicht viel. Es herrscht fast schon ehrfürchtige Stille.

Dann beginnt die Auktion. Mit schriller Stimme schreien die Auktionatoren die Gebote, die Händler antworten mit diskreten Handzeichen. Das Ganze geht so schnell, so unauffällig und läuft so verwirrend ab, als Ausstehender kann man dem kaum folgen. Im Minutentakt wechseln die Roten Thunfische die Besitzer. Nach zwanzig Minuten ist der Spuk vorbei und man wird wieder nach draussen geführt.

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Das eigentliche Herzstück des Marktes ist für die Touristen offiziell erst ab 9.00 Uhr zugänglich. Nur… um Neun ist der Krieg vorbei! Dann kann man bestenfalls noch ein paar putzige Shrimps bestauen. Das war nicht’s für mich! Also habe ich mich reingeschlichen. Das Marktgelände ist gigantisch, die Wachmänner in der Unterzahl und die geschäftigen Händler haben weiss Gott besseres zu tun, als sich um den gaffenden gaijin (so heissen hier die Ausländer) zu kümmern!

Die Bilder, die Eindrücke, die für mich noch nie in dieser Form erlebten Reize, die einem da in den frühsten Morgenstunden zwischen einem Everest aus Seafood buchstäblich überfluten, sind ein wahres Feuerwerk für sämtliche Sinne! Wer einem rüden Japaner begegnen will, muss den Tsukiji besuchen – so sagt man. Hier wird gestossen, gerempelt, gedrückt und gequetscht und die Gefahr von einem von hunderten dreirädrigen Transportwägelchen mit heulendem Gasantrieb über den Haufen gefahren zu werden, ist durchaus real. Sie rasen in mörderischem Tempo durch die Gassen des Marktes, beladen mit Styroporboxen und Eiscontainern voller Fisch und Krustentier. Ein süsslicher Geruch nach Meer liegt in der Luft. Hier riecht’s nicht nach Fisch, sondern nur nach Meerwasser. Zu frisch ist die Ware. Das meiste hier hat vor einigen Stunden noch gelebt.

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Überall sind die wahrhaft riesigen Thunfische aufgestapelt, wie gigantische Steinkolosse liegen sie da und warten darauf verarbeitet zu werden. Summende Stichsägen fressen sich durch die schockgefrosteten Tuna-Torsi, während Händler mit wahrhaft Angst erregenden Schwertern durch das rote Fleisch der frischen Tiere schneiden. Ehrfürchtig halte ich Abstand. Ich habe Schiss, dass er mich mit dem Monstrum von Schwert gleich selbst in zwei Hälften säbelt. Dieser Ort ist unglaublich! Ich bin schlicht überwältigt! Etwas Vergleichbares habe ich in meinem Leben noch nie gesehen! Ich weiss kaum, wohin blicken! Das Szenario war absolut chaotisch. Die pure Reizüberflutung!

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Und ja, um hier vor lauter Euphorie auch mal kritisch zu werden: ich gebe jedem Recht, der behauptet, dass Rote Thunfische in ein paar Jahren wohl nur noch auf dem Discovery/History Channel zu bestaunen sind! Jedes Kind weiss heute, dass der Tuna bedroht ist und die Bestände in den letzten Jahrzehnten, auch des weltweiten Sushi-Booms wegen, drastisch geschrumpft sind. Wir zappeln da alle im Netz! Wird dieser Fisch weiterhin so kommerziell gefischt, dann verschwindet die beliebteste Füllung für Reishäppchen bald von unserem Planeten, denn die Überfischung unserer Weltmeere liegt auf einem Rekordhoch.

Ich meine, ja, ich weiss das – ich hab‘ davon gelesen, hab’s gehört! Jetzt aber stecke ich mitten drin und mir bleibt fast die Spucke weg!

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Ungeachtet dessen wird der fettreiche Thunfisch durch die Verknappung zusehends zu einer Luxusware in Japan. Wegen der starken Nachfrage sind die Kilopreise in den vergangenen fünf Jahren um mehr als zehn Prozent nach oben geklettert. Seitens einiger Staaten gibt es eine gewisse Einsicht: so einigten sich die Fischernationen im Pazifik zuletzt, ihre Fangmengen von jungen Blauflossen, die sich noch nicht vermehren konnten, zu halbieren.

Japan ist das egal. Schon 2010 kämpfte die Nation heftig gegen das vom Washingtoner Artenschutzübereinkommen geforderte Thunfisch-Fangverbot. Selbst wenn es durchgekommen wäre: Japan hatte schon lange davor seine Absicht kundgetan, dass sie sich nicht daran halten werden.

Bei den Auktionen in Tokyo spricht man darüber nicht, man transportiert und isst lieber. Die Frage ist, wie lange noch?

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11 Antworten to “Tsukiji Fish Market”

  1. lieberlecker 23. Oktober 2015 um 15:21 #

    Wie Du sagst: Der nackte Wahnsinn! Faszinierend und erschreckend zugleich. Und einmal muss man es erlebt haben. Das war auch das einzige Mal, als ich morgens um 7 Uhr mit Hochgenuss Sushi gegessen habe 🙂
    Liebe Grüsse aus … na Du weisst ja,
    Andy

    • marco 26. Oktober 2015 um 14:26 #

      Sushi gab’s zwischendurch auch mal als Frühstück 😉 Daran könnte mich echt gewöhnen. Allerdings freue ich mich auch auf die winterlichen Gelüste daheim, wie Fondue zum Beispiel und Raclette 🙂

  2. kuechenreise 23. Oktober 2015 um 22:14 #

    Wow, wahrlich beeindruckend! Da lohnt sich das frühe Aufstehen!

    • marco 26. Oktober 2015 um 14:26 #

      Ja! Erschreckend, faszinierend und irgendwie auch extrem nachdenklich stimmend. Dieser Morgen wird noch lange nachklingen…

  3. Posi 25. Oktober 2015 um 09:08 #

    Extrem dieser weltgrösste Fischmarkt Tsukiji und vor allem was da Tag täglich an Fisch auf den Markt kommt. Fast etwas erschreckend sind die Bilder von der Menge der riesigen Thunfische. Ein wahrlich beeindruckender Abschluss und Bericht Deiner interessanten Asienreise :-).

    • marco 26. Oktober 2015 um 14:27 #

      Dieser Markt ist eigentlich schon fast keiner mehr. Ich würde es ohne Weiteres als Fabrik bezeichnen. Abschluss ist das übrigens noch nicht: da kommt noch was 😉

  4. Eva 25. Oktober 2015 um 10:39 #

    „Bei den Auktionen in Tokyo spricht man darüber nicht, man transportiert und isst lieber. Die Frage ist, wie lange noch?“
    So beeindruckend es auch sein mag, ich empfinde es in erster Linie als erschreckend…
    Liebe Grüße aus Hamburg,
    Eva

    • marco 26. Oktober 2015 um 14:29 #

      Ich kann dir nur beipflichten. Als ich gegen 10 Uhr früh zurück ins Hotel zum Frühstück bin, da war mein von der langen Nacht eh schon aufgeweichtes Hirn sichtlich durcheinander. Dieser Morgen war ziemlich prägend und mit gutem Gewissen werde ich wieder eine Weile auf Tuna verzichten. Aber eben: was nützt es, wenn wir hier die Welt verbessern wollen und am anderen Ende schert sich kein Mensch darum. Da nützen alle Bemühungen nichts…

  5. mrskbrock 27. Oktober 2015 um 12:19 #

    Tsukijii..wie gerne denke ich an meine 2 Monate in Japan und den Morgen auf diesem beeindruckenden Markt zurück…Ob man Fisch mag oder nicht, absolut sehenswert. Wie ganz Japan.
    Mit Begeisterung und grün vor Neid habe ich diene Berichte verschlungen. ich war Anfang 2011 für 2,5 Monate in Japan und hatte leider viel zu wenig Zeit zum Reisen und Essen.. aber mich hat das Land nachhaltig beeindruckt und verändert.. kulinarisch wie kulturell..
    Danke für die Einblicke!

    • marco 27. Oktober 2015 um 14:49 #

      2 Monate Japan? Wow! Jetzt bin ich aber grün vor Neid 🙂 Aber dieser Morgen war wirklich beeindruckend. Und erschreckend. Beides zugleich.
      Japan ist ein faszinierendes Land, da gebe ich dir ganz recht, und es wird wohl kaum das letzte Mal sein, dass ich diese schöne Fleckchen Erde besucht habe…
      Danke dir für’s Mitlesen und dein Feedback! Der schönste Lohn für jeden Blogger 😉

Trackbacks/Pingbacks

  1. “Entfischt” | Kochpoetin - 26. Oktober 2015

    […] ich kürzlich bei Marco/ myfoodprints die Bilder des Tsukiji Fischmarks sah, wurde mir, zugegeben neben der Faszination, die sie auslösten, einmal […]

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