Ekiben

19 Okt

Zugfahren für Feinschmecker

Die Besessenheit, die Frische, die Hingabe, die Freude, die Sorgfalt, die Demut, die Präzision, die Detailverliebtheit: die Küche Japans ist in kulinarischer Hinsicht etwas vom facettenreichsten, das ich je erleben durfte!

Ich weiss, dass ich in der kurzen Zeit in der ich hier bin, nicht annähernd einen Einblick in diese faszinierende und komplexe Küchenwelt bekommen werde. Und ich weiss auch schon jetzt, dass ich wiederkommen werde. Denn ich bin verliebt. Bis über beide Ohren.

Verliebt in Sake, in Miso, in perfekt gegarten Reis, in japanische Pickles, allen voran japanischer Rettich, süss-sauer-salzige Pflaume und shiso. Ich schwärme für tonkatsu, welches definitiv das Wiener Schnitzel vom Schnitzelthron gestossen hat und träume nachts von japanischen Süssigkeiten. Innige, süsse Liebe. Sie klebt in meinem Kopf wie ein weiches, fluffig-zartes mochi-Klebreisbällchen mit süsser roter Bohnenpaste gefüllt.

Da ist matcha, das grüne Gold Japans – wenn ich könnte würde ich darin baden. Karaoke mit soba (Buchweizennudeln) und yuba (abgeschöpfte Sahne von Tofu). Kara-age, frittiertes Hühnchen, eigentlich nix besonderes, aber ich kann mich kaum zusammenreissen, wenn es hier auf dem Tisch steht! Da ist dashi, die Essenz der Küche Japans, immer und überall allgegenwärtig. Und ja, natürlich: da ist Sushi! – and I’m spoiled forever! Ich weiss nicht, ob ich daheim jemals wieder ein Sushi-Restaurant aufsuchen kann/will/werde. Das hier ist das Mekka von Planet Sushi! Danach kommt lange nichts.

Nebst Sushi, Godzilla und Pikachu verdankt die Welt Japan aber auch die Existenz der ekiben, welche es mir besonders angetan haben! Sie sind eine Abwandlung der bekannten Bentoboxen und machen jede Zugfahrt in Japan zum kulinarischen Highlight.

Japans Eisenbahnnetz ist international konkurrenzlos, gilt es doch als eines der grössten und effizientesten überhaupt – da können wir uns selbst in der Schweiz noch ein dickes Stück vom Kuchen abschneiden. In Japan gibt es kaum eine wichtigere Tugend als die (Über-)Pünktlichkeit. Die durchschnittliche Verspätung japanischer Züge übers Jahr hinaus betrachtet beträgt lausige 36 (!) Sekunden. Selbst die U-Bahn fährt hier so pünktlich, dass im Normalfall eine Verspätung gar nicht in Betracht gezogen wird.

Und sollte es doch mal der Fall sein, so wiederholen überfreundliche Schaffner auf dem Perron in monochronem Singsang in Nebelhornlautstärke zigfach Entschuldigungen und geloben Besserung. Offensichtlich werden bei Verspätungen sogar schriftliche Entschuldigungsschreiben der Bahngesellschaft an die Pendler ausgeteilt, damit diese den Bossen im Büro gezeigt werden können. Habe ich aber selbst nicht erlebt, denn wie gesagt: die Bahn hier fährt auf die Sekunde.

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Nebst Pünktlichkeit, Fahrkomfort und Sicherheit (seit Einführung der „bullet trains“ 1964 kam kein einziger Fahrgast zu Schaden) fasziniert zudem die beeindruckende Reisegeschwindigkeit der Züge hier. Der Shinkansen Nozomi donnert mit einer Höchstgeschwindigkeit von sage und schreibe 320 km/h durchs Land. Die Fahrgäste sitzen hinter Fenstern, deren Form an jene aus dem Flugzeug erinnern und innen drin fühlt es sich an, als sässe man daheim im Wohnzimmer. Kein Laut, kein Ruckeln, kein Garnichts!

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Als Feinschmecker jedoch lobe ich insbesondere die Tatsache, dass man sich in den Zügen formidabel verpflegen kann. Japanische Fernverkehrs-Bahnhöfe sind voll mit Verkaufsständen für ekiben, eine Weiterentwicklung der althergebrachten Bentobox. Eki bedeutet Bahnhof, ben gilt als Abkürzung für Bento, der traditionellen japanischen Lunchbox.

Die erste Bentobox, so sagt man, war vermutlich eine Röhre aus Bambus, in welcher die Bauern und Samurai bereits schon im 5. Jahrhundert ihr Mittagessen auf die Jagd oder ins Schlachtfeld mitnehmen konnten. Mittlerweile haben sich diese, ganz japankonform, ganz schön weiterentwickelt. Heute findet man ein riesiges Angebot an unterschiedlichsten Boxen, angefangen von der simplen Bambusschachtel bis hin zur quietschgrellen Plastik-Pokémon-Box, mit zig unterteilten Fächern voller kunterbunter Leckereien.

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Der Schöne daran: jede Box in jedem Bahnhof des Landes ist stets mit regionalen Lokalspezialitäten bestückt. Die Vielfalt ist unendlich und reicht vom weltbekannten Kobe-Rindfleisch, über lokale Sushi-Klassiker bis zu im Tontopf serviertem Reis. Im Regelfall stets mit dabei sind verschiedene Reissorten, unterschiedlich gewürzt, eingelegtes Gemüse, Fisch und/oder Fleisch sowie oft auch noch eine kleine Süssigkeit.

So frühstückte und lunchte ich schon zu Süsskartoffelbällchen, zu Reis mit gesalzenen Kombu-Algen gewürzt, knusprigen Stückchen von gebackenem Schwein, marinierten Tintenfisch-Ärmchen, frischen eingelegten Lotuswurzeln und Shiitake-Pilzen, gegrilltem Süsswasser-Aal und Lachs, Eieromeletten mit Bambussprossen oder knabberte an in Ahornblättern eingewickelten und mit Kastanienmus gefüllten Klebreisbällchen während draussen vor dem Fenster die beeindruckende Landschaft Japans an mir vorbeirauschte.

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Die verschiedenen Zutaten scheinen ganz präzise aufeinander abgestimmt. Aus einer handwerklichen Tradition. Aus einer regionalen Verwurzelung. Sie sind zurückhaltend gewürzt, oft nur mit einem Hauptaroma. Nichts wird in Sauce ertränkt, nichts wirkt übertrieben Man soll sich nur auf diesen einen Bissen konzentrieren. Punkt.

Mit durchschnittlich 8 bis 12 Euro sind die ekiben allerdings keineswegs so günstig, wie man vielleicht vermuten möchte. Die Exemplare mit exquisiten Zutaten oder in besonders aufwändig verzierten Lackboxen kosten sogar deutlich mehr. Essstäbchen, Zahnstocher und Erfrischungstücher sind jedoch stets inklusive.

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Doch die Beliebtheit scheint hier ungebrochen zu sein. Vor den Verkaufsständen an jedem Bahnhof bildet sich fast immer zu jeder Tages- und Nachtzeit eine ansehliche Schlange. In den Bahnhöfen Kyotos, Tokyos und Osakas verkaufen die Stände weit über 100 unterschiedliche gefüllte Boxen, bis zu 20’000 Stück jeden Tag. Es gibt sogar Internetseiten und Guidebooks, die zu den besten ekiben-Verkaufsständen des Landes führen und diese gezielt bewerben. Die beliebtesten Spezialitäten und Boxen muss man sich da sogar am Vortag bestellen, ansonsten geht man leer aus und kann bloss darauf hoffen, am nächsten Bahnhof mehr Glück zu haben.

Dass Geschmack und Aromatik der ekiben im Regelfall phänomenal sind, brauche ich bei Japans Anspruch an Qualität und Perfektion ihrer Küche wohl nicht zu erwähnen. Ein Land für Gourmets – selbst beim Zugfahren!

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9 Antworten to “Ekiben”

  1. lieberlecker 19. Oktober 2015 um 15:16 #

    Na gut, wenn ich hier schon ständig ob Deinen Beiträgen sabbern muss und mich vor Neid fast verzehre 😉 … da: Nächste Woche besuche ich einen Dashi Kurs bei Shinwazen! 🙂
    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Andy

    • marco 19. Oktober 2015 um 15:40 #

      Oh! Jetzt bin ich aber neidisch 😉 Hatte kurz vor der Reise schon von dem Kurs gelesen, aber leider keine Zeit mehr! Die Zutaten hätte ich, so glaube ich zumindest, nun alle beisammen! Musst mir unbedingt davon erzählen dann! Lg, Marco

  2. Memse 19. Oktober 2015 um 19:37 #

    Du sagst, dass Du unbedingt wieder einmal nach Japan musst. Wir haben einen Vorschlag: Wir bezahlen Deine Reise und Du nimmst uns mit und bist unser Reiseführer:-) Uebrigens Dein Bericht ist wieder einmal sehr interessant und weckt Erinnerungen bei uns an den Shinkansen. Wir holen gerade die Fotos von unserer Reise hervor, die wir Dir gerne daheim mal zeigen

    • marco 20. Oktober 2015 um 01:47 #

      Haha, jetzt kriege ich sogar schon Angebote als Reiseführer. Das Abenteuer scheint sich nicht nur in kulinarischer Hinsicht gelohnt zu haben 😉 Würde mich freuen, wenn ihr mir mal eure Fotos zeigt! Bestimmt spannend, der Vergleich!

  3. marliesgierls 19. Oktober 2015 um 20:24 #

    So macht Reisen Spaß! Das ist für mich eine total fremde Welt und ich lese Deinen Bericht wie immer voll Interesse. Weiterhin gute Fahrt,
    liebe Grüße Marlies

    • marco 20. Oktober 2015 um 01:48 #

      Danke dir, liebe Marlies! Ja, Zugfahren hat hier echt was. Ich muss gerade schmunzeln, weil ich an der Vergleich mit den indischen Bahnen denke! Das ist dort aber mindestens genau so ein Abenteuer. Einfach ziemlich anders 😉

      • marliesgierls 20. Oktober 2015 um 10:56 #

        Das ist dann das totale Kontrastprogramm, abwechslungsreicher geht es wohl kaum, das wird Dir zuhause gar nicht mehr gefallen, lg Marlies

  4. Eva 20. Oktober 2015 um 13:36 #

    Seufz, es ist einfach schon zu lange her, dass ich in den japanischen Genüssen schwelgen durfte – die Pünktlichkeit der Züge funktioniert übrigens nicht nur in den Städten, sondern auch in den ganz entlegenen ländlichen Regionen. Faszinierend. Warum das bloß bei uns nicht klappt???
    Liebe Grüße,
    Eva

    • marco 23. Oktober 2015 um 07:47 #

      Ja, da können wir uns noch eine dicke Scheibe von abschneiden. Andererseits habe ich in Indien auch das Gegenteil erlebt. Da wartet man halt mal einen halben Tag, bis der Zug kommt. Beklagen tut sich niemand. Und bei uns daheim wird schon vom Staatszerfall geschrien, wenn der Zug mal 5 Minuten später losfährt… Übrigens: du solltest vielleicht mal wieder nach Japan, Eva 😉

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