Taipei Night Markets

2 Okt

Das kulinarische Disneyland

Ich darf sagen, ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinem Körper. Wir beide mögen uns. Mal mehr, mal weniger. Aber immer wieder.

In Anbetracht meiner wahnwitzigen Unternehmung, halb Asien zu bereisen und alles erdenklich Essbare in mich hinein zu stopfen, hatten wir beide vorgängig aber den einen oder anderen Disput miteinander. Und ja, ich kann es ihm kaum verübeln. Bei meiner umfangreichen Ess-Agenda dieser Tage, ist die Gefahr, dass sich mein Bauch nach meiner Rückkehr in einen fluffigen, in heissem Fett ausgebackenen Berliner verwandelt hat, durchaus gegeben.

Also haben der Wanst und ich eine Abmachung getroffen. Wenn man nämlich während zweier Monaten täglich 17 Stunden zur freien Verfügung hat, dann gilt selbst mangelnde Motivation nicht mehr als Ausrede, um etwas für den Adonis-Körper zu tun. Also heisst es täglich 30 Minuten pumpen und sich selbst etwas Gutes tun. So sind alle zufrieden: mein Gewissen, der Rettungsring und der lauernde Hunger später ebenfalls.

Nun, das Thema könnte kaum aktueller sein, denn seit Montag früh befinde ich mich in Taipei, Taiwans Hauptstadt am nördlichen Zipfel der Insel – ein kulinarisches Disneyland sondergleichen! Die Zustände auf den hiesigen Nachtmärkten treiben jedem Feinschmecker das Tränenwasser in die Augen und man weiss kaum, wo man anfangen soll, sich durchzukosten. Für mich ein absolutes Highlight so far! Ein Schlemmerparadies: wenn ich hier abends durch die Gassen schlendere, mache ich quasi im Dauerzustand ein Gesicht, wie ein kleiner Junge, der soeben ein knallrotes Feuerwehrauto zu Weihnachten geschenkt bekommen hat.

Aber blenden wir kurz zurück…

Bevor ich am Montag hier in Taipei gelandet bin, war es mir nicht vergönnt, vorher noch drei absolut genüssliche Tage im vibrierenden Hong Kong zu verbringen – nach den bisherigen Stationen auf meiner Reise eine durchaus willkommene Abwechslung. Ich bin stundenlang durch die Häuserschluchten spaziert, habe mir in Michelin-Sterne-Restaurants den Bauch vollgeschlagen (kurze Anmerkung an dieser Stelle: vergesst die von den Chinesen ach-so-hoch-gelobten Schwalbennester: not worth the money, da könnt ihr auch verkochte Glasnudeln essen!), habe einen Ausflug aus dem Hochhausdschungel in ein nahes Fischerdorf gemacht, köstliche Meeresfrüchte verspiesen, in den In-Bars der Stadt einige deliziöse Cocktail-Ideen aufgeschnappt, bin shoppend durch die Kaufhäuser gezogen und habe zur Abwechslung mal wieder eine Nachtschicht eingelegt und ordentlich das Tanzbein geschwungen.

Hong Kong ist pulsierend, energiegeladen, hektisch und trotzdem irgendwie gechillt. Eine Art hochprozentige Mischung aus New York und Las Vegas – einfach mit Chinesen! Und ja, da blieb für einen Blogpost entsprechend keine Zeit…

Umso motivierter bin ich aber jetzt hier in Taipei. Kaum zwei Stunden nach meiner Landung hatte ich mich schon fast ein wenig in diese City und die Menschen hier verliebt. Taiwan scheint extrem entspannt zu sein, die Menschen sind superfreundlich und das Essen hier ist echt für die Götter! Nach Festland China und eben Hong Kong zeigt sich Taiwan als ziemliche ausgeglichene Mischung der beiden. Die chinesische Tradition und Kultur ist hier deutlich spürbar, obwohl die erste große Einwanderungswelle und dauerhafte Besiedlung von China aus erst etwa Anfang des 17. Jahrhunderts erfolgte. Im Gegenzug präsentiert sich die Hauptstadt Taipei in weiten Teilen aber auch als durchaus westlich, modern und äusserst fortgeschritten, ohne dabei aber zu sehr in den weiter oben erwähnten NY-Vegas-Verschnitt abzudriften und an Authentizität einzubüssen. Me like!

Am meisten liken tu‘ ich aber die Nachtmärkte hier und um die geht es heute auch! Diese sind in Taiwan dermessen populär, wie wohl in kaum einem Land sonst auf der Welt. Da kann auch die eingschlägig bekannte Hawker-Food-Szene in Penang kaum mehr mithalten, zumindest was die schiere Auwahl an Angeboten betrifft. Alleine in Taipei gibt es mindests zehn offizielle Night Markets mit einem bunten, vielfältigen Angebot an fast allem. Während bei uns die Märkte und Läden am Abend die Schotten dicht machen, beginnt das wilde Marktleben in Taipei erst mit Einbruch der Dunkelheit. Sobald die Sonne untergeht und die Sterne zu funkeln beginnen, füllen sich die Märkte mit Menschen aus allen Lebenslagen. Hier findet man Kleidung, Schuhe, Spielzeugs, DVDs und alles, was das Herz sonst noch begehrt. Abgerundet wird das Ganze von beliebten, mal bekannteren, mal unbekannteren Jahrmarktsattraktionen wie Büchsen- und Bogenschiessen, Hau-den-Lukas,  Shrimp-Angeln und vielem mehr. Und ja, selbstverständlich gibt’s auch jede Menge kulinarische Köstlichkeiten!

Hier findet man gebackene Hühnerschnitzel, grösser als ein Gesicht, dampfende Schalen voller beef noodle soup, den halben Ozean über Holzkohle grilliert, süss-saure Wachteleier am Spiess, Seegurkenhäppchen mit Ingwersauce, frisch gebratene Austern-Omelettes, duftender Ananaskuchen, den berühmten stinky tofu und die sogenannten 1000-jährigen Eier, plus viele weitere Köstlichkeiten, dass einem fast schwindlig wird. Ein wahres Schlaraffenland! Der Gang durch einen der grösseren Nachtmärkte kann durchaus ein abendfüllendes Programm sein und wer mit 5 Euro nicht pappsatt wird, der hat definitiv etwas falsch gemacht. Auch Skurilles, meist im Bereich der chinesischen „Medizin“ wie getrocknete Eidechsen, Nashornpulver, Schlangenpenis-Pillen, Schildkrötenschnaps und manch andere Perversitäten finden man hier zuhauf.

Meine persönlichen Top 5 (ohne bevorzugte Reihenfolge) habe ich euch nachfolgend aufgelistet…

1- Stinky Tofu

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Zweifelsohne der König unter dem hiesigen Street Food und zwar was Beliebtheit, Verbreitung und ja, natürlich auch Geruch (oder Gestank?) angeht. Stinky Tofu scheint hier in Taiwan so etwas wie eine nationale Besessenheit zu sein. Den penetranten, für empfindliche Näschen keinesfalls bekömmlich Gestank riecht man auf Nachtmärkten buchstäblich meilenweit. Und alle hier scheinen ihn zu lieben, läuft doch jeder zweite Taiwanese mit einer Schüssel stinkendem Tofu durch die Gassen der Märkte. Bei stinky tofu (chòu dòufu) handelt sich um meist mehrere Monate in einer Gewürzlake fermentierten Tofu, der anschliessend grilliert, geschmort oder meistens frittiert und mit süss-saurem Essiggemüse und Chilisauce serviert wird. Wie bei vielen „stinkenden“ Lebensmitteln analog Durian in Südostasien oder Stilton-Käse in England, ist der Geschmack im Mund jedoch wesentlich überzeugender (um nicht zu sagen, äusserst lecker!), gegenüber dem, was die Nase im ersten Moment erahnen lässt.

 

2 – Beef Noodle Soup

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Drei Worte: Beef. Noodle. Soup.

Meine erste habe ich gleich am Abend Nr.1  auf dem Shilin-Nachtmarkt, dem grössten in Taipei geordert. Sie kam nach etwa fünf Minuten, war kochend heiss und umfasste genug Inhalt, um das ganze Lokal zu verköstigen. Anschliessend war ich so pappsatt, dass ich kaum mehr von den anderen Köstlichkeiten auf dem Markt kosten konnte. Trotzdem: Beef Noodle Soup (niu riu mian) sollte ein jeder Taiwan-Reisender mindestens einmal probiert haben, ist sie doch ein Gericht, auf das die Taiwaner (zur Recht!) besonders stolz sind. Es gibt vermutlich so viele Rezepte wie Grossmütter und Strassenhändler. Aber ob man sie nun im Sternerestaurant oder bei der Oma an der Strassenecke reinschlürft – mit der Mutter aller Suppen Taiwans scheint es fast unmöglich, je eine schlechte Erfahrung zu machen.

 

3 – Xiao Long Bao

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Mein absoluter Favorit!! An den Dinger könnte ich wahrlich zu Tode fressen! Xiao Long Bao sind kleine, gedämpfte mit Brühe sowie Fleisch, Gemüse oder Shrimps gefüllte Teigtaschen. Genau, richtig gehört: Brühe! Und genau das macht die Dinger so gut, denn um die Brühe da rein zu kriegen, muss man zunächst nach alter küchenfachmännischer Weisheit eine Suppe mit Knochen ansetzen, welche beim auskühlen anschliessend geliert. Die gelierte Suppe wird dann zusammen mit weiteren Füllzutaten (beliebt ist gehacktes Schweinefleisch, kleine Shrimps oder gedämpftes Gemüse) in winzig-kleine Teigrondellen gefüllt und auf fast schon künstlerhafte Art und Weise zusammengeklebt. Wenn die Täschchen anschliessend in den Bambuskörbchen vor sich hin dampfen, verflüssigt sich die gelierte Brühe wieder, die Füllung wird gar und wenn man die Teigtaschen auf einen Löffel gibt und mit Essstäbchen kurz anpiekt, kann man als erstes die wunderbare, vor Aroma strotzende Suppe aus dem Innern schlürfen, bevor man sich über den Rest hermacht. Food for the gods!!

 

4 – Grillierte Meeresfrüchte

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If it swims, we have it – so könnte der Slogan der hiesigen Grilleure lauten. Direkt vom Ozean auf den heissen Rost. Tintenfisch, Muscheln jeglicher Grösse, Form und Farbe, ganze Fische und Fischfilets, frische Austern, Krustentiere wie King Crabs und Shrimps: das Herz eines jeden Fisch- und Meeresfrüchteliebhabers schlägt hier deutlich ein paar Takte schneller. Die Produkte (und ich habe sie fast alle probiert!) sind superb frisch, das Meerwasser kann man noch förmlich riechen. Sie werden vielfältig gewürzt, mariniert und bepinselt und brutzeln und zischen auf dem heissen Holzkohlegrill langsam vor sich hin und verleihen allem ein wunderbar dezentes, aber deutlich spürbar rauchiges Aroma.

 

5 – Run Bing Peanut Ice Cream Wrap

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Maybe you’ll love it. Maybe you’ll hate it!

Frühlingsrollenpapier + Ice Cream + Erdnuss + brauner Zucker + frischer Koriander (!)

Eine absolut verrückte Kreation, auf die man erst mal kommen muss. Dieses Eis-Crèpe mit frisch vom Block geraspelten Erdnuss-Zucker-Spänen und Koriander sieht aus wie ein Burrito. Ein Biss und ich bin begeistert! Es schmeckt süß, knackig und aromatisch, alles auf einmal: herb und cremig dank dem Eis, süß und knackig von den Erdnuss-Candy-Spänen und der Koriander (die eigentlich verrückte Sache an der Geschichte!) verleiht ihm eine zusätzliche aromatische Schicht. Die Eissorten sind genau so einzigartig: Ananas, Taro (Wasserbrotwurzel) und Erdnuss – von jedem eine Kugel. Was für eine köstliche und innovative Kombination! Love it!

Nebst diesen Top 5 gäbe es noch mindestens fünfzehn weitere fantastische Köstlichkeiten aufzuzählen, die den Umfang und Aufwand dieses Blogposts definitiv sprengen würden. Da gibt es Austernomeletts, einer der beliebtesten Allrounder hier (welchen ich allerdings in Penang schon zu genüge verputzt habe), Gua Bao, Hamburger Taiwan-Style, ein weicher, gedämpfter Hefekloss mit geschmortem Schweinebauch und Gemüse-Pickles gefüllt, Mango-Shaved-Ice, frittierte Milchpuddinghäppchen, gesottene Tee-Eier, Fischbällchen-Suppe, Eierwaffeln, Dumplings mit zig verschiedenen Füllungen, gebackene Süsskartoffeln, Hot Dogs in Reisbrötchen, ganze Enten und Gänse am Spiess grilliert und noch so vieles mehr, was den Namen Schlaraffenland oder eben kulinarisches Disneyland ehrlich verdient.

Come to Taiwan – it’s a foodie paradise!

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5 Antworten to “Taipei Night Markets”

  1. Susannes 2. Oktober 2015 um 16:18 #

    Uuuuhhh Marco, damit hast Du mehrere neuralgische Punkte bei mir getroffen.Hongkong ist genial….ich liebe es und würde gerne auswandern…wenn ich bloß nicht die Befürchtung hätte, mangels allzu prall gefülltem Geldbeutel im 36. Stock eines Estates eine 20-qm-Wohnung mit fünf anderen teilen zu müssen – hab ich schon erwähnt, dass ich Hongkong liebe?
    Der andere Punkt sind die Xiao Long Bao. Ich muss. Unbedingt. Fragt sich bloß, wann 🙂

    • marco 2. Oktober 2015 um 17:21 #

      Haha, Susanne, mir scheint als hätte ich dich da wirklich an einem empfindlichen Punkt erwischt 😉 Oh ja, die Liebe zu Hong Kong merkt man dir an. Ist aber auch wirklich eine tolle Stadt, ich fand es schade, dass ich bereits nach drei Tagen wieder die Koffer packen musste. Da gibt es so viel zu sehen und erleben. Aber ja, die Wohnverhältnisse sollen ziemlich knapp sein. Bin gespannt, wie das in Tokyo wird, soll da ähnlich sein. Aber wie auch immer: grundsätzlich hätte ich mich drei Tage lang nur von Xiao Long Baos ernähren können 😉 Du als Teigtaschen-Königin hast dich sicherlich schon mal daran versucht?

  2. Susanne 2. Oktober 2015 um 16:19 #

    Urgs…..Finger auf Tastatur fehlgeleitet….

  3. felixthailand 5. Oktober 2015 um 03:29 #

    Mit dem Taipei-Bericht hast du schöne Erinnerungen geweckt!
    Natürlich gibt es hier auch Nachtmärkte und gluschtige Kleinigkeiten aller Art, aber in einer Millionenstadt ist das schon nochmals ganz anders.
    Weiterhin… na, du weist schon!

    • marco 6. Oktober 2015 um 03:19 #

      Ja, Nachtmärkte sind ja in vielen asiatischen Ländern weit verbreitet. Ich höre auch in Bangkok ganz, ganz toll. So etwas wie hier habe ich allerdings noch nicht wirklich erlebt. Die Nachtmärkte werden hier gelebt, das ist die wahre Essenz Taiwans – einfach unbeschreiblich.

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