Willkommen im fernen China

23 Sep

Es stimmt und doch ist alles anders

In China essen und trinken satte 1,3 Milliarden Menschen. Eine durchaus imposante Zahl! China ist laut UN das bevölkerungsreichste Land auf dem Erdball und misst unglaubliche 20 % gemessen an der restlichen Weltbevölkerung.

Man stelle sich mal vor, man lädt alle Chinesen zur nächsten Gartenparty ein! Dafür bräuchte man 325 Millionen Vierer-Tische und, grob geschätzt, 650 Millionen Kilo Reis, Gemüse und Bratwürste. Und nebst 2,6 Milliarden Essstäbchen natürlich auch noch ein paar Flaschen Bier.

Der wahre Reichtum aus dem Reich der Mitte zeigt sich aber in seinen Speisen. China hat die älteste und vielfältigste Küche überhaupt. Obwohl, eine eigentliche „chinesische Küche“ gibt es genau genommen gar nicht. In einem Land, nur wenig kleiner als die Gesamtfläche Europas, in dem über eine Milliarde Menschen wohnen, haben sich über die Jahrtausende auf natürliche Art und Weise die unterschiedlichsten Küchenstyle entwickelt. Wie ich feststelle, kommt chinesisches Essen in unseren Breitengraden aber leider nur als meist mittelmässiges Essen auf den Tisch. Nach zwei Tagen in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan mitten im Herzen Chinas, ist mir dies schon schmerzhaft bewusst. Vom übervollen Ringbuch-Speiseatlas, über den grosszügigen Gebrauch von Glutamat und Plastikstäbchen bis hin zu kitschigem Fernweh-Dekor: der Chinese bei uns kann mit dem hier einfach nicht richtig mithalten. Und wer schon mal in China gegessen hat, der weiss, dass es da ein ganzes Universum ungeahnter Geschmackserlebnisse zu entdecken gibt.

Wenn es aber um die chinesischen Sitten bei Tisch geht, dann bestätigen sich gewisse Vorteile, die man in Europa hat, durchaus. Chinesisches Wohlbefinden hat nichts mit romantischem Kerzenschein zu tun. Egal ob an der Strassenbude oder im Restaurant: es wird gelacht, gerülpst, gerotzt und in voller Lautstärke gesprochen. Man steckt sich mitten während dem Essen eine Zigarette an oder greift quer über den ganzen Tisch und alle Teller nach der Schüssel. Essen hier macht Spass und die Chinesen leben das in vollsten Zügen aus…

Als passionierter Kulinarikreisender, gilt es vor der eigentlichen Schlemmerorgie aber eine entscheidende Hürde zu meistern: das Entziffern der Speisekarte. Die Frage nach einer englischen Ausgabe würde wohl im besten Fall mit einem müden Lächeln beantwortet werden, mal abgesehen davon, dass ich kaum wüsste, wie ich überhaupt danach fragen soll.

Wenn man nach China kommt, ohne kaum ein Wort Mandarin zu sprechen, geschweige denn zu verstehen, so bestätigt sich diese erahnte Herausforderung bereits schon am Flughafen… Man ist gelinde gesagt, ziemlich im Arsch! Wie kommt man zurecht in einem Land, dessen Sprache man nicht beherrscht, dessen Schrift man nicht lesen kann und dessen Bewohner Regeln folgen, die man nicht kennt. Kaum einer spricht hier Englisch und wenn, dann hört es sich trotzdem wie eine Fremdsprache an. Dessen war ich mar vorab zwar bewusst, aber die Verständigung mit blosser Mimik und Gestik stellt einem im Alltag durchaus hin und wieder mal vor gewisse Herausforderungen.

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Das Feilschen mit dem Taxifahrer um den Fahrtpreis mit Hilfe des iPhone-Ziffernblocks ist daher in den letzten beiden Tagen so etwas wie zu meinem modus operandi geworden. Die grösste Schwierigkeit bereitet es, dem Fahrer überhaupt sein Ziel verständlich zu machen, denn die wenigsten sind Sprachkünstler. Chinesische Ortsangaben, um eine Nuance falsch betont oder mit schweizerischem Akzent ausgesprochen, stossen beim Fahrer auf keinerlei Resonanz. Doch tröstlicherweise kann jeder von ihnen lesen – chinesisch natürlich.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich hier in meinem Lieblingsviertel in Chengdu, trinke Jasmintee inmitten einer Meute mich spürbar neugierig beobachtender Chinesen und lasse ganz einfach die Atmosphäre auf mich wirken.

Chengdu ist eine durchaus moderne Stadt, mit sich hochtürmenden Wolkenkratzern, dichtem Verkehr und geschäftigem Treiben rund um die Uhr. Und trotzdem mangelt es hier nicht an Grünflächen und herrlich antik und geschichtsträchtigen Vierteln. Bunte Türen und Fassaden, in Goldlettern kunstvoll aufgemalte chinesische Schriftzeichen, Lamellenfenster, rote Lampions, wuchernde Topfpflanzen, kleine Buddha-Altare mit Opferungen und Räucherzeugs, chinesische Familien, die bei offener Haustür vor der Glotze abhängen. Dazwischen buddhistische Tempel, kleine Läden und Restaurants, niedliche Cafés…  ich kann mich einfach nicht sattsehen! Die Atmosphäre in diesen Gassen ist irgendwie besonders, es ist schwer zu beschreiben… es ist als ob die Häuser Geschichten aus der Vergangenheit erzählen würden…

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Und trotzdem: zum ersten Mal seit Anbeginn dieser Reise fühle ich mich wirklich weit, weit weg von daheim! Aber ja, das ist nun mal Teil des Abenteuers und irgendwie geniesse ich es sogar. Ein paar erste Impressionen findet ihr anbei. Was für kulinarische Abenteuer hier in Chengdu auf mich warten, erfährt ihr denn in den näcshten Tagen. Momentan kämpfe ich noch ein wenig mit den Tücken der chinesischen Internet-Zensierung. Everything is firewalled, sogar mein Blog!!

Aber dazu ein ander Mal mehr…

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10 Antworten to “Willkommen im fernen China”

  1. Memse 23. September 2015 um 14:49 #

    Dein Bericht ist sehr interessant, habe ihn mit Interesse verfolgt. Erst jetzt wird mir bewusst wie mühsam das eigentlich sein muss, wenn man am Taxifahrer nicht einem den Ort, wohin man will, vor Augen halten kann, da er ja nur chinesische Schriftzeichen lesen kann. Und stimmt, ein Wort nur etwas anders betont, heisst ja ganz was anderes. Das hast Du mir ja zuhause schon erzählt. Also China wird Dir sicher das ganze Leben in unvergesslicher Erinnerung bleiben.

    • marco 24. September 2015 um 04:57 #

      Nun ja, das mit der Betonung trifft auf verschiedenste Wörter tatsächlich zu, da kann dann plötzlich etwas konplett anderes gemeint sein. Aber bei Adressen, sofern man die Zeichen ausgeschrieben hat, gibt es eigentlich keine Verwechslung. Aber es macht auf jeden Fall Freude, wenn man dann heil am gewünschten Ziel ankommt 😉

  2. Ulrike vom Bambooblog 23. September 2015 um 19:30 #

    Ein wenig übertreibst du aber: Am Flughafen Chengdu ist das Meiste Wichtigste auch in Englisch ausgeschildert. Und wenn man sich erstmal mit der U-Bahn angefreundet hat, dann kommt man auch ohne Taxi fast überall hin. Man sollte sich sein Ziel immer auch auf Chinesisch aufschreibenlassen. Auch in Chengdu breitet sich die Gewohnheit aus, Speisekarten mit Bilder anzureichern. Auf dem letzten Foto ist jedenfalls keine Speisekarte abgebildet. Aber ansonsten: Ist doch ein tolles Gefühl, wenn man all diese Hürden genommen hat, oder?

    • marco 24. September 2015 um 05:01 #

      Also mit Englisch bin ich hier noch nicht sehr weit gekommen 😉 und kaum trete ich aus dem Flughafen, versteht mich irgendwie sowieso keiner mehr. Aber du hast natürlich recht, mit den niedergekritzelten Zeichen der Zieladresse ist schon alles einfacher. In den Restaurants habe ich mir mittlerweile angewöhnt, auf die Teller der umliegenden Gäste zu zeigen oder mir etwas aufschwatzen zu lassen 😉 und bisher hat’s immer prächtig geschmeckt! Und ja, das Gefühl ist toll, wenn man alle diese Hütden geneistert hat 🙂 ich fühle mich durchaus wohl hier!

      • Ulrike vom Bambooblog 24. September 2015 um 05:39 #

        genauso so soll es sein! Chengdu hat mir immer gefallen. Schon 1987, als ich zum ersten Mal dort war.

  3. Tring 24. September 2015 um 08:49 #

    Hach, ich krieg Heimweh! Lass dich von dem fehlenden English nicht unterkiegen. Chinesen sind ein sehr neugieriges und sehr gastfreundlichens Völkchen. Mit Händen und Füßen und gutem Willen kommt man schon relativ weit – es dauert nur ein bisschen länger 🙂 Futter dich einfach durch sämtliche Straßenstände. Da gibts meist nur ein Gericht, was die Sprachschwierigkeiten reduziert 🙂 Am besten ist das Essen meist in der Nähe der Uni – auch wenn ich keine Ahnung habe, wo die in Chengdu ist:-) Genieß es!

  4. Houdini 24. September 2015 um 15:02 #

    Schöne Fotos, guter Bericht. Mit der Qualität bei den Euro-Chinesen ist es wahrlich nicht gut bestellt, aber Glutamat kommt auch in China reichlich ins Essen. Wie hiess es doch früher, als an jeder Ecke eine Beiz war: „Wer nichts wird wird Wirt“.

    • marco 25. September 2015 um 19:17 #

      Danke Erich! Ja die Küche hier lässt sich mit der beim Chinesen daheim kaum vergleichen. Allerdings ist das wohl mit mancher Landesküche so, es wird halt alles „verwestlicht“, damit es uns passt! MSG also Glutamat, wird auch hier häufig verwendet. Erstaunlicherweise gibt es jedoch viele Restaurants und Fressbuden, die einem vorab fragen, ob man denn welches in den Speisen haben möchte.

  5. felixthailand 27. September 2015 um 07:40 #

    Faszinierend zu lesen, lieber Marco!
    Ich klappere hier einfach mal mit den Essstäbchen!!!
    FEL!X ;o)

    • marco 27. September 2015 um 19:19 #

      Und ich sage: merci Felix 🙂 Schön, dass du mitliest!

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